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Zwischen-Bericht Dipl. Psych. Gisela Westhoff

Zahnmedizinische Probleme und Implantat-Versorgung bei Patienten mit primärem Sjögren Syndrom

Gisela Westhoff, Dipl. Psych.,

Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin, Programmbereich Epidemiologie

 

Zahnmedizinische Probleme und Implantat-Versorgung bei Patienten mit primärem Sjögren Syndrom

Zwischenbericht zum Projekt

gefördert durch das Kuratorium Forschungsförderung der Deutschen Rheuma-Liga Bundesverband (Dezember 2011 – September 2012)

 

Hintergrund:

Bei Menschen mit Sjögren Syndrom fällt wegen der Mundtrockenheit die immunologische, remineralisierende und spülende Wirkung des Speichels weitgehend aus. Dadurch kommt es zu raschem kariösen Zahnverfall, verstärkter Plaquebildung, Entzündungen des Zahnhalteapparats und progredientem Zahnverlust.

Viele Betroffenen sind daher früh auf herausnehmbaren Zahnersatz angewiesen. Da die Schmierwirkung des Speichels fehlt, scheuert der Zahnersatz auf den Schleimhäuten und verursacht Druckgeschwüren, die mangels immunkompetenter Speichelbestandteile schwer heilen oder sogar chronifizieren. Darüber hinaus fehlt der Speichel als Dichtungsmittel, um eine Saugwirkung an der beweglichen Prothese zu erzielen. Die Folge sind schlecht sitzende Prothesen, die die Nahrungsaufnahme erschweren und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Künstliche Zahnwurzeln bzw. Zahnimplantate mit Suprakonstruktionen könnten Teil- oder Totalprothesen stabilisieren oder einzelne Lücken schließen. Da die Implantathersteller kein Interesse daran haben, ihre Produkte an kleinen und damit wirtschaftlich uninteressanten Risikopopulationen zu evaluieren, gibt es bisher keine Studien zur Sicherheit und Haltbarkeit von Zahnimplantaten bei Menschen mit Sjögren Syndrom. Die Betroffenen erleben deshalb immer wieder, dass Rheumatologen ihnen mangels Evidenz keinen Rat geben können und Zahnärzte wegen des nicht einschätzbaren Risikos von Implantatbehandlungen abraten.

 

Ziel des Vorhabens war die systematische Beschreibung der mundgesundheitlichen Probleme und Zahnersatzlösungen von Menschen mit Sjögren Syndrom anhand einer standardisierten Befragung eines Querschnitts von Betroffenen. Das Vorhaben ging von der Annahme aus, dass mindestens 10% der Studienteilnehmerinnen jemals Zahnimplantate erhalten haben. Deren Erfahrungen mit Sicherheit, Haltbarkeit und Funktionalität von Zahnimplantaten sollte empisch abgesicherte Ergebnisse liefern, die Betroffenen, deren Zahnärzten und Rheumatologen Orientierungshilfen bei Entscheidungen für oder gegen Zahnimplantate bieten können.

 

Stand des Projekts im März 2012:

Bis zum 13.03.2012 haben 204 der 250 angeschriebenen Studienteilnehmerinnen das Mundmodul ausgefüllt zurückgeschickt. Die Studienteilnehmerinnen haben gleichzeitig 89 nicht am Sjögren Syndrom erkrankte Frauen gleichen Alters (sogenannte Kontrollen) gewinnen können, das Mundmodul auszufüllen. Sowohl von Patientinnen als auch Kontrollen treffen noch fast täglich Bögen ein.

Derzeit sind die Angaben von 197 Studienteilnehmerinnen und 80 Kontrollen elektronisch erfasst, mit den Daten der Verlaufsbeobachtung verknüpft und ausgewertet worden.

Die vorläufigen Ergebnisse belegen, dass das Studienziel bereits erreicht ist. Zweiunddreißig der bisher 197 datenerfassten Studienteilnehmerinnen haben insgesamt 99 Zahnimplantate (16%, Mittelwert 3 Implantate pro Implantatträgerin, Range 1-8). Bei 5 der derzeit 32 Implantatträgerinnen musste je 1 Implantat wegen Komplikationen wieder entfernt beziehungsweise erneuert werden (16% der Implantatträgerinnen / 5% der Implantate). Diese Verlustquote entspricht etwa der bei Frauen nach der Menopause (14%; Schou S et al, Outcome of implant therapy in patients with previous tooth loss due to periodontitis. Clin Oral Implants Res 17 Suppl 2, 104–123 (2006)).

Die jeweils ältesten Implantate der im Rahmen unserer Studie befragten Sjögren Patientinnen sind derzeit durchschnittlich 5 Jahre alt (Median 3, Range 1-23 Jahre). Ein Viertel der Studienteilnehmerinnen tragen ihre Implantate seit mindestens 5 Jahren. Fast alle Implantatträgerinnen sind hochzufrieden mit dem implantologischen Zahnersatz.

Hervorzuheben ist, dass die Auswahl der Patientinnen für eine Implantattherapie offensichtlich nicht streng nach bekannten Risiken und Kontraindikationen vorgenommen wurde, denn die befragten Implantatträgerinnen haben annähernd genauso häufig risikobehaftete Begleitkrankheiten wie Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Osteoporose oder den Knochenstoffwechsel beeinträchtigende Therapien wie Studienteilnehmerinnen ohne Zahnimplantate. Dies zeigt, dass sachverständige Implantologen mindestens einem Teil der Patientinnen mit formell hohem Risikoprofil erfolgreich implantologische Zahnersatzlösungen eröffnen könnten.

 

Geplante Publikationen:

Die erstmals empirisch gewonnenen Daten zur Implantattherapie bei Sjögren Betroffenen sollen in den nächsten Monaten an Rheumatologen und Zahnärzte zu kommuniziert werden. Noch - so zeigen die Ergebnisse - werden 45% der Studienteilnehmerinnen, die ihre Zahnärzte auf die Möglichkeit einer Implantattherapie ansprechen, wegen fehlender Evidenz, fehlender Erfahrung oder besonderer Risiken abschlägig beraten.

Vorgesehen sind zunächst zwei internationale Publikationen in je einem wissenschaftlichen rheumatologischen und zahnmedizinischen Journal. Leider gibt es kein einziges deutschsprachiges zahnmedizinisches Journal mit einer wissenschaftlichen Impact-Bewertung. Die verbreiteteste wissenschaftliche zahnmedizinische Monatszeitschrift „Deutsche zahnärztliche Zeitschrift (DZZ)“ ist an den Ergebnissen sehr interessiert. Der Herausgeber hat bereits zugesagt, eine deutsche Übersetzung eines der international publizierten Artikel zu veröffentlichen.

Die Artikel für die internationalen Publikationen werden voraussichtlich im Spätsommer 2012 eingereicht. Nach ihrer vorab-Publikation voraussichtlich gegen Ende des Jahres wird die deutschsprachige Version fast unmittelbar darauf in der DZZ erscheinen können.

Unabhängig von den wissenschaftlichen Publikationen kann der Zeitschrift „mobil“ in wenigen Wochen ein Artikel vorgelegt werden.

 

Kongressbeiträge:

Anhand der Daten von 153 Studienteilnehmerinnen wurde im Januar ein erstes Abstract für den Kongress der European League Against Rheumatism eingereicht (EULAR, Juni 2012 in Berlin; siehe Anlage). Das Ergebnis der Begutachtung wird in wenigen Tagen erwartet (inzwischen angenommen).

Für den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh, Bochum2012) wird Ende April ebenfalls ein Abstract mit Daten von dann voraussichtlich 220 Studienteilnehmerinnen eingereicht. Weiterhin wird Ende Juni ein Abstract für den American Congress of Rheumatology (ACR) eingereicht.

Im Rahmen der Befragung haben viele Studienteilnehmerinnen Kontakt mit der Studienleitung aufgenommen und nach Vorab-Ergebnissen gefragt. Auf breites Interesse stieß auch die im Mundmodul erwähnte Ausnahme-Indikation zur Kostenübernahme von Implantatbehandlungen bei schwerer Xerostomie.

Am kommenden Samstag werden die vorläufigen Ergebnisse erstmals auf dem Sjögren-Tag in Berlin präsentiert (17.03.2012). Die entsprechende Präsentation wird nächste Woche dem Zwischenbericht nachgereicht.

Alles in allem kann bereits jetzt gefolgert werden, dass die Befragung ermutigende Ergebnisse zu Sicherheit, Haltbarkeit und Funktionalität von implantologischen Zahnersatzlösungen bei Sjögren Betroffenen geliefert hat. Die Ergebnisse sind geeignet, Sjögren-Betroffene, ihre Zahnärzte und Rheumatologen zu bestärken, bei gegebener Indikation und nach sorgfältiger Einzelfallprüfung eine Zahnimplantatbehandlung zu erwägen.

 

Gisela Westhoff

Berlin, 17.03.2012



 

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Auszug aus den "Praktischen Ratschlägen" der französischen Sjögren Vereinigung , 2005 
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